Die Unterkirche des Doms zu Andria.

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Arthur Haseloff (1872-1955)

Die Kaiserinnengräber in Andria
Ein beitrag zur apulischen kunstgeschichte unter Friedrich II

Verlag von Loescher & C.°, Rom, 1905.

 

Die Unterkirche des Doms zu Andria.

Die Kathedrale von Andria gehört nicht zu den grossen romanischen Bauten, die den Stolz Apuliens ausmachen. Umund Anbauten, ja eine teilweise Neuauffhrung (d'Urso spricht von einem Einsturz der Oberkirche) haben seit dem 15. Jahrhundert die alte Kirche bis auf geringe Reste verschwinden lassen. Der Besucher, welcher die Kathedrale durch die Vorhalle von 1844 betritt, gelangt in das dreischiffige Langhaus, das an beiden Seiten von Kapellen eingesumt ist. Die unregelmässig und schief angelegten Schiffe sind nicht gleich breit, wie Schulz (13), irrig angibt, aber annähernd gleich hoch, so dass das Mittelschiff keine selbständige Beleuchtung erhält. Drei Spitzbogen öffnen sich zu einem sehr tiefen, aber nicht über die Breite ausladenden Querschiffe, das durch einen ungeheuren Spitzbogen quergeteilt wird. Der rechteckige Chor Hegt zwischen Nebenräumen. Barockverkleidung deckt jetzt das Innere. Unter dem Putz wurde unlängst am Aufgange zur Orgelbühne ein Teil eines niedrigen gekuppelten Fensters aufgedeckt, das der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts angehören muss. Am Aeusseren sind in Gestalt eines Löwen und eines Reliefs, einen Bischof darstellend, Reste romanischer Zeit erhalten. Der Campanile zeigt in seinen oberen Teilen altertümliche gotische Formen (14).

Die Nachrichten zur Baugeschichte gehen nicht ber das 15. Jahrhundert hinauf. Nur einige Angaben lassen auf einen wesentlich älteren Bau schliessen. 1779 wurde in der Kathedrale eine Säule mit Inschrift entdeckt, welche als Grabschrift der Gräfin Emma, Tochter des Grafen Gottfried von Conversano und Gemahlin Richards, Sohnes des ersten Grafen von Trani, gedeutet wird. Die Säule wurde damals in den Caraffa-Palast gebracht; ihr heutiger Verbleib ist mir unbekannt. H. W. Schulz bringt die Inschrift ohne die von d'Urso gegebene Jahreszahl 1069; es ist fraglich, ob er sie selbst gesehen hat (15). Ebenso unkontrollierbar ist die andere von d'Urso erzählte Nachricht, dass eine im Jahre 1111 von einem Pantaleon verfertigte Glocke im Jahre 1400 umgegossen worden wäre.

In den erhaltenen Bauteilen der Oberkirche, deren Unregelmässigkeit schon d'Urso aufgefallen ist, er nennt sie darum barbarisch und gotisch und setzt sie in die normannische Zeit, stehen jedenfalls keine Reste zutage, die ber das 13. Jahrhundert hinaufreichen. In der Hauptsache haben wir anscheinend einen Neubau des Bischofs Antonio Giannotti († 1463) vor uns, «cuius industria haec ecclesia refecta est», wie die Grabschrift sagt. Unter seinen Nachfolgern Martin de Soto Majore aus Sevilla († 1477) und Angelus Florus († 1495) geschah laut ihren Grabschriften viel für die innere Ausstattung. Unter letzterem muss der grosse Schwibbogen [forse Spitzbogen] erbaut sein, dessen Errichtung eine jüngere Inschrift dem Alexander Guadagno aus Andria im Jahre 1494 zuschreibt (16). Nach dieser Periode lebhafter Kunsttätigkeit werden dann erst wieder im 17. Jahrhundert die Verdienste der Bischöfe auf den Grabschriften gerühmt. Mit der Aufführung der neuen Vorhalle im Jahre 1844 schliesst die Baugeschichte.

Abb. 1. Grundriss der Unterkirche in Andria.
[Abb. 1. Grundriss der Unterkirche in Andria.]

Die Unterkirche, welche durch die Ausgrabungen von 1904 zugänglich gemacht wurde, liegt in der Längsachse der Kathedrale und zwar im wesentlichen unter dem heutigen Querschiff (s. d. Grundriss, Abb. 1). Sie ist eine einheitliche Anlage, die sich aus einer Vorhalle und der zweischiffigen Kirche mit der halbkreisförmigen Apsis zusammensetzt (17). Die Gesamtlänge beträgt 26m, die Breite etwa 6.70 m, die Ausführung des Baus ist schief und ungenau, die Abbiegung der Apsis nach Norden wohl eine absichtliche. Der architektonisch reichere und besser erhaltene Teil ist die Vorhalle, ein querrechteckiger Raum mit einer Mittelsttze (Taf. I).
Taf. I. Innenansicht der Sdwestlichen ecke der Vorhalle der Unterkirche der Kathedrale in Aandria. (Phot Bambocci)
[Taf. I. Innenansicht der Sdwestlichen ecke der Vorhalle der Unterkirche der Kathedrale in Aandria. (Phot. Bambocci - Bari)]
Der Bau ist, wie die Kirche, ausgeführt in rechteckig behauenen einheimischen Kalksteinblöcken, die in breiteren und schmäleren Lagen unregelmässig geschichtet sind. Das Gewölbe ruht an den vier Ecken des Raumes auf vorspringenden Pfeilern mit einer wenig ausladenden Kämpferplatte; in der Mitte der Vorhalle und zwischen den Pfeilern dienen Säulen als Stützen, von denen die drei an der Eingangsund an den beiden Aussenwänden frei vor die Wand gestellt sind. Die ausserordentliche architektonische Dürftigkeit des ganzen Baues wird durch nichts deutlicher veranschaulicht als dass diese fünf Säulen in Bezug auf Höhe und Durchmesser, Material, Kapitäl und Basen durchweg verschiedenartig behandelt sind. Es sind Spolien älterer Bauten und man scheint Mühe gehabt zu haben, sich diese dürftigen Ueberreste zu verschaffen. Wenn die Tradition von einem Venustempel fabelt, der ursprünglich an dieser Stelle gestanden hätte, so hätten die Erbauer dieser Unterkirche wohl bessere Ueberreste in ihren Bau hineinbeziehen können. So aber standen ihnen nur zwei kräftige Granitsäulenstmpfe zur Verfügung, die für die beiden freistehenden Stützen verwendet werden konnten. Für diejenige, welche in der Arkadenöffnung zur Kirche steht, fand sich ein byzantinisches Kapitäl etwa des 6. Jahrhunderts mit einfachem Schmuck von vier Akanthusblättern, das umgekehrt als Basis verwendet werden konnte (Taf. II, a), während eine einfache Kalksteinplatte als Kämpfer fungiert; für den zweiten dieser Granitsäulenstmpfe, die Mittelstütze der Vorhalle, fand sich keine Basis, dafür aber ein im Zustande jämmerlichster Abarbeitung befindliches römisches Blattkapitäl von korinthischer Form, dem man noch eine Kämpferplatte aus Kalkstein aufsetzte, welche die Form des Abacus wiederholt (Taf. II, b).
Taf. II, a: Byzantin Sches.  b: Röm Sches.
[Taf. II, Kapitäl in der Vorhalle der Unterkirche zu Andria: A - Byzantin Sches. B - Röm Sches]
Immerhin, diese beiden grossen Granitstümpfe, diese beiden Kapitäle bilden die Prunkstücke der Krypta; die drei den Wänden vorgestellten Säulen, eine aus Granit und zwei aus Sand- bezw Kalkstein, auch unter sich wieder verschieden, haben weder Basis noch Kapitäl, Untermauerung gleicht die Höhe aus, Kalksteinblöcke dienen als Kämpferplatten.

Von diesem Stützensystem aus ziehen sich nun die Gurtund Schildbögen. Diese Bögen sind in Haustein ausgeführt, die Ansätze der Gewölbegrate da, wo Gurt und Schildbögen zusammenstossen, aus demselben Block herausgearbeitet, während weiterhin die Gewölbe aus unregelmässigen Schichten schmaler Steinplatten bestehen.

Die Vorhalle scheint bis auf die Eingangs- (West-) Wand im ursprünglichen Zustande; hier waren einst wohl zwei Eingänge, von denen der eine zwar zugemauert, aber noch zu erkennen ist; die andere Arkade ist jetzt völlig durch eine Mauer geschlossen, die Säule zwischen ihnen steht im Mauerwerk. Bei der Dürftigkeit der Technik der alten und jüngeren Teile und der Gleichheit des Materials ist es hier, wie an anderen Stellen schwer, ein sicheres Urteil über das Mass der etwaigen späteren Veränderungen zu gewinnen.

Taf. III. Innenansicht der Unterkirche: Blick auf Altar und Chor. (Phot. Bambocci)
[Taf. III. Innenansicht der Unterkirche: Blick auf Altar und Chor. (Phot. Bambocci)]

Jedenfalls waren diese Veränderungen der Vorhalle unbedeutend im Vergleich mit der gründlichen Umgestaltung der Kirche. Letztere, nur um etwa zwei Meter breiter als die Vorhalle, (1,25 m. an der Nord-, 0,82 m. an der Südseite) war durch eine Reihe von Mittelstützen in 2 Schiffe mit je vier Gewölbegraten geteilt. Von diesen Stützen ist nur die letzte, der viereckige Pfeiler hinter dem Altar, erhalten geblieben (Taf. III): ob auch die übrigen die Pfeilerform hatten, ist ungewiss. Für Säulen spricht der Umstand, dass dem Gurtbogen des letzten Gewölbefeldes entsprechend vor der Zisterne ein dorisches Kapitäl römischer Zeit (Abb. 2), gefunden wurde, das hier als Basis gedient hat. Die Ausführung der Gewölbe war hier noch primitiver als in der Vorhalle, es fehlten alle in Haustein ausgeführten Teile, durchweg nur unregelmässige quergeschichtete Lagen von Bruchstein! An der Umfassungsmauer sassen die Kreuzgewölbe auf wenig vorragenden Kalksteinplatten auf. Diese Kämpfer sind ein wenig tiefer angebracht als die der Vorhalle, dem entsprechend lag wohl auch der Fussboden, mit Ausschluss des Altarraums, ein wenig tiefer. Die halbkreisförmige Apsis war ebenfalls mit grätigen Gewölben überspannt. Licht wurde der Kirche durch zwei halbrund abgeschlossene Fenster in der Apsis und durch drei Fenster im südlichen Schiff zugeführt. Um die Apsis zog sich die Priesterbank, von der Reste vor- handen sind; der Altar stand vor dem letzten Pfeiler und ist in späterer Vermauerung erhalten; die mächtige, mit einer Schräge versehene Tischplatte von 1,37 m. Breite ruht auf einem Rundpfeiler von 1,72 m. Umfang. Unmittelbar vor dem Altar befindet sich eine Zisterne von konischer Form und etwa fünf Meter Tiefe; Kanäle führten ihr von beiden Seiten Wasser zu, das zur Taufe gebraucht wurde.

Abb. 2. Antikes Kapitäl in der Unterkkirche als Basis verwendet.
[Abb. 2. Antikes Kapitäl in der Unterkkirche als Basis verwendet.]

Die entstellenden Umgestaltungen in der Unterkirche stammen aus verschiedener Zeit. Zunächst wurde die Mehrzahl der Mittelstützen und der Kreuzgewölbe beseitigt, an ihre Stelle traten drei starke durch Bögen verbundene Pfeiler, von denen aus sich flache Tonnengewölbe zu den Umfassungsmauern spannen. In den letzten dieser Pfeiler wurde der ursprüngliche Altarpfeiler mitsamt dem Altar hineinverbaut. In späterer Zeit, ersichtlich als man fr die Unterkirche keinerlei kirchliche Verwendung mehr hatte, erfolgte die Errichtung eines formlosen, jetzt beseitigten Stützpfeilers, der den Druck der Gewölbe und des erhöhten Fubodens der Oberkirche aufnehmen sollte; noch andere unbedeutende Veränderungen hängen mit der Benutzung des Raumes als Beinhaus zusammen.

Zugänge sind reichlich vorhanden. Nahe der Apsis führt jetzt ein stollenartiger Gang aus dem linken Schiffe in einen kleinen Nebenraum, der in seinen unteren Teilen alt ist und früher als Sakristei gedient haben mag. Eine steile Treppe verbindet ihn mit der Oberkirche (jetzt weggenommen); hier wurden bis in das 19. Jahrhundert die Gebeine zur Beisetzung in der Krypta eingeführt. Ueberhaupt scheinen sich nach jeder Richtung Grabgewölbe an die Unterkirche anzuschliessen. Unmittelbar neben der Haupttreppe, die in 16 Stufen von der Oberkirche in das rechte Schiff der Unterkirche hinabführt, öffnet sich ein gewölbter Raum, von dem wieder ein weiterer nicht aufgegrabener gewölbter Raum abzweigt, in dem man ein Architravstück vermauert sieht. Eine weitere nennenswerte Oeffnune ist im rechten Schiffe dicht vor der Apsis; ausserdem sind mehrere Oeffnungen vorhanden, welche direkt in die Oberkirche führen.

Abb. 3. Altar der Unterkirche. (Phot. Danesi - Roma)
[Abb. 3. Altar der Unterkirche. (Phot. Danesi - Roma)]

In ihrer architektonischen Roheit, bei dem völligen Mangel irgend welchen plastischen Schmuckes, kann die Unterkirche von Andria nur dann einen erträglichen Eindruck gemacht haben, wenn die Wände und Wölbungen mit Stuck bekleidet und bemalt waren. In der Tat sind genügende Spuren vorhanden, die nicht nur eine einmalige, sondern mehrfache Ausmalung der Unterk irche beweisen; freilich handelt es sich zumeist nur um Spuren, die jedes nähere Eingehen ausschliessen. Nur hinter dem jüngeren Pfeiler, in den der Altar verbaut ist, (Abb. 3) hat sich ein grosses Stück der ursprünglichen, in den Farben gut erhaltenen Malerei freilegen lassen, die jetzt in einem Spalt zwischen dem ursprnglichen Pfeiler und seiner jüngeren Verstärkung mittels elektrischen Lichtes gut sichtbar ist. Dargestellt ist ein stehender Christus, dessen Kopf und Füsse verloren sind. Die Gestalt hob sich von blauem und unterhalb einer weissen Teilungslinie von braunem Grunde ab. Christus ist bekleidet mit einer weissen, blau schattierten Tunika, zu deren Schmuck ein roter Streif an der rechten Schulter und ein Aermelbesatz dienen: zwischen zwei schwarzen, weiss geperlten Säumen ein gelber Streif mit brauner Karrierung und weissen Punkten. Ueber der Tunika trägt er das dunkelbraune Pallium, das mit blauen Lichtern, schwarzen Schatten und weissen Punkten belebt ist. Christus hält die Rechte segnend vor der Brust mit dem griechischen Gestus: der Daumen berührt die Spitze des kleinen Fingers. In der linken Hand hält er das geöffnete Buch mit der (fragmentarischen) Inschrift: «Lux ego sum mundi (18) ñ it p” (19) auf blauem Grunde.

Als nach dem Umbau der Unter kirche das Christusbild in dem verstärkten Pfeiler verschwunden und der grösste Teil der sonstigen Malereien vernichtet war, erfolgte eine neue Ausmalung, über deren Ausdehnung schwer zu urteilen ist, da sich nur sehr geringfügige Reste erhalten haben. Das Hauptbild befand sich anscheinend wieder vor dem (verstärkten) Altarpfeiler: wenigstens glaube ich dort Ueberreste einer thronenden Madonna zu erkennen, die bezeichnender Weise an die Stelle des Christusbildes getreten ist. Erhalten scheinen Stücke des roten Mantels, der über Kopf und Schultern herabfliesst, sowie des mit Rankenwerk ornamentierten Thrones, der Maria als Sitz diente. Der Grund war blau mit roter Randleiste. Ueber allgemeine Vermutungen ist hier freilich nicht hinauszukommen, und vollends undankbar erscheint die Aufgabe, das Alter dieser Malereien zu bestimmen. Jedenfalls beweisen sie, dass die Unterkirche auch nach dem Umbau noch zu kirchlichen Zwecken benutzt wurde, dass also von einer Zerstörung und Verschüttung durch die Anjous keine Rede sein kann.

Abb. 4. Ein Engel. Ueberrest einer Wandmalerei, gefunden in der Unterkirche.
[Abb. 4. Ein Engel. Ueberrest einer Wandmalerei, gefunden in der Unterkirche.]

Endlich haben sich im Schutt der Krypta noch eine Anzahl bemalter Blöcke gefunden. Nach dem Material zu urteilen – sie sind aus Tuff – können diese Steine nicht zum Bau der Krypta gehört haben, die weder an Pfeilern noch Wölbungen die Verwendung von Tuff kannte; dem Stil nach sind die Malereien sicher vorangiovinisch. Die Hauptstücke seien im Folgenden beschrieben:

1) Stück vom Kopf eines geflügelten Engels. Das Haar braun, der Nimbus gelb, die Flügel braun, der Grund rot, links ein Stück lila Grund mit schwarzem Fleck (Abb. 4).

2) Stück eines grauen Aermels mit gelber Manschette, aus der eine Hand vorkommt, die einen grünen und roten Gegenstand hält? Neben dem Aermel rot und schwarz.

3-4) Zwei Stücke von einem Gesims; die Vorderseite grau und schwarz gestreift, die Unterseite rot mit dunklem Blattwerk, beiderseits mit weissen Lichtstreifen.

5) Ein Stück roten Grundes mit zwei schwarzen Flecken.

6) Ein Stück schwarzen Grundes, neben dem ein Rest grüner Farbe, rechts ein gelber Randstreif mit rotbrauner Musterung.

7) Ein grosses schwarzes Stück mit roten Rosetten, das auch an der linken Schmalseite bemalt ist.

8) Ein Stück, auf dem gerade Linien eine Rahmeneinteilung bilden, in schwarz, gelb und weiss.

Das wichtigste Ergebnis der Ausgrabungen in Andria ist demnach die Feststellung einer Unterkirche, die jedenfalls älter ist als die staufische Kathedrale darüber. Der Befund ergibt, dass diese Unterkirche keine Kryptenanlage gewesen ist. Nicht nur, dass der Grundriss völlig von dem Typus der romanischen Krypten in Apulien abweicht, für die eine mehrschiffige Anlage in der Breitenausdehnung unter dem Querschiff und Chor der Oberkirche die Regel ist, auch die Beleuchtung durch Fenster in der Apsis und an einer Langseite sprechen für die Selbständigkeit des Baus. Heute freilich liegt infolge der Bodenerhöhung die Unterkirche unter dem Strassenniveau, ehemals wird sie, wenn nicht ganz, so doch grösstenteils über dem natürlichen Boden gelegen haben.

Sehr schwierig ist die Zeitbestimmung. Wie erwähnt ist der Bau von solcher Roheit und Dürftigkeit, dass jedes gemeisselte Ornament fehlt. Derartige Anlagen sind nicht selten in Unteritalien. Bertaux (20) charakterisiert eine Gruppe abruzzesischer Kryptenanlagen mit Worten, die ebensowohl auf unseren Bau passen: es sind «Konstruktionen von barbarischer Roheit: die dicken Gurtbögen ihrer grätigen Kreuzgewölbe ruhen auf Pfeilern, deren Abstände unregelmässig sind, deren Durchmesser ungleich, deren Höhen und Formen selbst verschieden sind; bald haben die Kapitäle keine Basis, bald dient ein umgekehrtes Kapitäl als Basis».

Bari besitzt noch mehrere unterirdische Anlagen, die in die Zeit vor der normannischen Zerstörung zurückreichen. Die älteste unter ihnen ist die Kirche S. Pietro, heute unter dem Garten des Ospedale Civile gelegen, in der Form eines unregelmässigen griechischen Kreuzes. Jüngere Reste von Wandmalereien machen es wahrscheinlich, dass die ursprünglich griechische (basilianische?) Anlage später zu einer Benediktinerniederlassung gehört hat. Mehr Anhaltspunkte zur Vergleichung mit der Unterkirche in Andria bieten die Ueberreste eines grossen Benediktinerklosters unter der heutigen Kirche S. Michele und unter den benachbarten Gebäuden. Unter der Kirche selbst finden wir eine Krypta, die nicht mehr in ihrer vollen Ausdehnung erhalten scheint. In der technischen Ausführung, insbesondere der Arbeit der Kapitäle, ist sie bereits weit über das Stadium der Unterkirche in Andria fortentwickelt, mit der sie jedoch in der zweischiffigen Anlage und der Einwölbung durch Kreuzgewölbe Aehnlichkeit besitzt. Unter dem Nachbargebäude des Genio militare ist dagegen noch ein Gang erhalten, der in seinen ursprünglichen Teilen der Technik der Vorhalle in Andria durchaus nahesteht (21).

Von einer genauen Datierung dieser Bauten auf Grund stilkritischer Beobachtungen kann natürlich bei der primitiven Roheit der Technik keine Rede sein. Soviel ist gewiss, dass sie der Zeit vor der Entfaltung des romanischen Kathedralenstils in Apulien angehören, wahrscheinlich dem 10. und 11. Jahrhundert. Die Bareser Kirche wird zu einem Benediktinerkloster gehört haben, und dasselbe gilt vielleicht auch von der Unterkirche in Andria. 1120 bestätigt Papst Calixt II (22) den Benediktinern vom Vultur den Besitz der Kirche des Salvators und des hl. Nicolaus in Andria, und 1175 bestätigt Alexander III (23) dem Abte Philipp den Besitz der Salvatorkirche in Andria. Aus diesen Bullen Hesse sich vielleicht die Behauptung begründen, dass die Unterkirche des Domes zu Andria diese Salvatorkirche sei. Dazu stimmt die Aehnlichkeit mit der Benediktinerkirche in Bari und das Christusbild ber dem Altar; auch die lateinische, nicht griechische, Fassung der Inschrift auf dem Buche ist in diesem Zusammenhange wertvoll. Stilistisch ist gegen eine Ansetzung dieser Wandmalerei in das 12. Jahrhundert nichts einzuwenden, soweit nach dem wenigen Erhaltenen geurteilt werden darf. Die einzige Schwierigkeit liegt darin, dass wir zu der Annahme gezwungen werden, dass die Benediktinerkirche zugleich die bischöfliche Kirche gewesen bezw, später zu dieser geworden sei. Es sind das Fragen, auf die sich bei der Spärlichkeit der Nachrichten über Andria und seine Bischöfe kaum mit Bestimmtheit wird antworten lassen.

So wenig Bestimmtes wir über die Geschichte der Unterkirche bis zur Errichtung der Oberkirche wissen, so wenig können wir die Zeitpunkte der späteren Umgestaltung feststellen. Wir haben oben eines Momentes Erwähnung getan, das für die Annahme einer staufischen Bauperiode an der Kathedrale spricht. Dass man in dieser Glanzzeit Andrias das Bedürfnis eines Neuoder Erweiterungsbaues gefühlt hätte, wäre nur zu natürlich. In der Unterkirche freilich sind keine Spuren einer Umgestaltung in dieser Zeit wahrzunehmen; ihre dürftige Erneuerung ist wohl erst während der Bauperiode des 15. Jahrhunderts erfolgt; die Einziehung des rohen, jetzt beseitigten Stützpfeilers noch später. Jedenfalls diente die Unterkirche noch nach dem Umbau kirchlichen Zwecken, wie die Neuausmalung mit dem Madonnenbilde (?) vor dem Altarpfeiler beweist. Wie lange sie im Gebrauch blieb, ist nicht festzustellen, im 18. Jahrhundert kannte man sie nur noch als Beinhaus und angebliche Stätte der Kaiserinnengräber.

[Transkription des Textes von Arthur Haseloff “Die Kaiserinnengräber in Andria - Ein beitrag zur apulischen kunstgeschichte unter Friedrich II”, Verlag von Loescher & C.°, Rom, 1905. S. 7-18.]


NOTE

(13) H. W. Schulz, Denkmäler der Kunst des Mittelalters in Unter-Italien (Dresden 1860) I, S. 150.

(14) Auf einer Masseria, die dem jetzigen Besitzer des Palazzo Caraffa gehört, liegen einige Säulen, die vielleicht vom Dom herrühren.

(15) D'Urso, o. a. O. S. 49, Schulz, a. a. O. S. 151.

(16) In der Schrift «Nella Terra di Bari» (Trani 1898) wird das Jahr 1465 angegeben.

(17) Ein ergänzter Grundriss von Bernich in Nap. Nob. XIII. S. 185.

(18) Cf. Ev. Joh. 8, 12.

(19) Non it per. Das Ganze zum Vers hergerichtet.

(20) A. a. O. I, 525. Die Arbeiten Piccirillis über diese Krypten ( «Rassegna Abruzzese IV» und «Monumenti architettonici Sulmonesi» ) sind mir unzugänglich.

(21) Die Kenntnis dieser Baulichkeiten danke ich der Liebenswürdigkeit des Architekten Herrn Pantaleo in Bari.

(22) Jaffé-Loewenfeld Reg. pont. Roman, n. 6864 von 1120 Oktober 10. Die Stelle lautet: «confirmamus … in Andro ecclesiam sancti Salvatoris, sancti Nykolai». Das Original ist im Stadtarchiv zu Rom.

(23) Jaffé-Loewenfeld Reg. n. 12455 von 1175 April 3 (wie Calixt II). Das Original ist in Neapel Bibl. nazionale (I AA 39).